Sonntag, 4. Mai 2014

You have to know who you are, and what you are.

Alles, was wir geben mussten
(Never let me go)
Erscheinungsjahr: 2010
Drama, Buchverfilmung
Carey Mulligan, Keira Knightley, Andrew Garfield
Trailer


Der Film „Alles, was wir geben mussten“ (Im Original: Never let me go) ist ein Drama/Science-Fiction/Dystopie Film aus dem Jahr 2010. Die Geschichte wird von Kathy H. (Carey Mulligan) in einer Rückblende erzählt. Die mittlerweile erwachsene Frau erzählt von ihrer Kindheit im Internat Hailsham. Die Kinder bekommen dort alles was sie brauchen und es wird stets sehr genau auf deren Gesundheit geachtet. Kathy erzählt vom Beginn ihrer Freundschaft mit Tommy, ein Junge, der oft von seinen Mitschülern gehänselt und ausgelacht wird. Kathy hänselt Tommy jedoch nicht und so freunden sie sich an. Doch Kathys Freundin Ruth scheint aufgrund dieser Entwicklung eifersüchtig zu werden und schließlich werden Tommy und Ruth ein Paar, was Kathy wiederum sehr traurig macht. Eines Tages erfahren die Kinder von ihrer Lehrerin die Wahrheit über ihr Leben und ihre Zukunft. Alle Kinder im Internat dienen einem bestimmten Zweck und werden niemals ein „normales“ Leben führen.

Mit 18 Jahren verlassen die drei das Internat und ziehen in ein ruhiges Bauerndorf, dort wohnen sie mit anderen jungen Männern und Frauen zusammen und kommen erstmals richtig in Kontakt mit der „Außenwelt“. Ruth und Tommy sind immer noch ein Paar, Kathys Hoffnung, dass sich die beiden im Laufe der Zeit trennen, hat sich nicht erfüllt.

Durch den Erzählstil bekommt der Film eine ganz persönliche Note und man identifiziert sich von Anfang an mit der kleinen Kathy. Carey Mulligan spielt die Rolle der erwachsenen Kathey natürlich richtig gut, aber auch die junge Version ihrer selbst (gespielt von Izzy Meikle-Small) ist definitiv erwähnenswert. Man taucht in das Leben der drei Hauptfiguren ein, welches immer wieder durch Zeitsprünge unterbrochen wird aber trotzdem durchgehend erzählt wird. Das Thema des Films ist erschreckend und tragisch und mehr als einmal möchte man die Hauptperson Kathy an der Schulter packen und sie fragen, warum sie das alles geschehen lässt, warum sie nicht nach einem Ausweg such, warum NIEMAND nach einem Ausweg sucht. Das unausweichliche Ende des Films möchte man lange Zeit nicht wahrhaben, dennoch ist es unabwendbar.

Mir persönlich hat der Film gut gefallen, er war in der Grundtendenz schon an einigen Stellen vorhersehbar, allerdings kurzweilig, einfach gut erzählt durch die tolle Besetzung. Es ist ein Film, der nicht glücklich, sondern nachdenklich macht.




Let us try to open our minds to a new idea

Mona Lisas Lächeln
Erscheinungsjahr: 2003
Drama
Julia Roberts, Julia Stiles, Kirsten Dunst
Trailer


Der Film „Mona Lisas Lächeln“ aus dem Jahr 2003 handelt von der jungen Dozentin Katherine Watson, die in den 50er Jahren eine neue Stelle im kunstwissenschaftlichen Institut des Wellesley College annimmt um junge Frauen zu unterrichten. Ihre Erwartungen an diese neue Stelle werden nicht ganz erfüllt, das College ist sehr konservativ eingestellt, neue Wege des Unterrichtens werden nicht gerne gesehen. Mit einigen ihrer Schülerinnen hat Katherine von Anfang an einige Probleme, doch sie versucht den Mädchen die Augen zu öffnen, ihnen Neues beizubringen und sie nach ihrem Gewissen zu unterrichten.

Der Film thematisiert vor allem die Rolle der Frau in den 1950er Jahren. Eigentlich ist bei (fast) allen Schülerinnen des Wellesley Colleges die populäre Vorstellung verankert, dass sie nach ihrem College Abschluss (am besten schon währenddessen!) einen gut betuchten Mann finden, diesen heiraten und zukünftige Hausfrauen und Mütter werden. Vor allem Betty (Kirsten Dunst) verkörpert diese konservative Lebenseinstellung. Natürlich hat sie den (vermeintlich) perfekten Ehemann schon gefunden und ist im Begriff diesen zu heiraten. Dass Katherine Watson nicht verheiratet ist, kann sie so gar nicht verstehen und das macht sie auch oft deutlich. Aber nicht alle sind so strikt wie Betty. Da gibt es zum Beispiel Joan (Julia Stiles), die eigentlich immer davon geträumt hat einmal nach Yale zu gehen und dort Jura zu studieren. Als Katherine davon erfährt möchte sie Joan natürlich unbedingt bei ihrem Vorhaben unterstützen, denn es ist ihr Anliegen den Mädchen auch Alternativen aufzuzeigen und ihnen klar zu machen, dass sie eben nicht NUR Hausfrauen und Mütter sein müssen. Sie will sie dazu ermutigen das zu tun, was sie wirklich wollen.


Es ist schön, dass der Film viele verschiedene Geschichten erzählt, natürlich in erster Linie die von Katherine, aber man erfährt auch einiges über Betty und Joan und andere Schülerinnen des Wellesley Colleges. Diese Geschichten sind alle irgendwie miteinander verbunden und so ergibt sich ein roter Faden, der sich durch den Film zieht. So lernt man natürlich viele verschiedene Charaktere kennen, manche davon sind einem auf Anhieb sympathisch, andere hingegen nicht. Im Verlauf der Geschichte geschehen durchaus unerwartete Wendungen und irgendwie hat man dann am Ende doch alle Charaktere ans Herz geschlossen. Der Film punktet nicht nur durch seine schönen Bilder und den wundervoll passenden Soundtrack, sondern vor allem durch die schauspielerischen Fähigkeiten der Hauptdarstellerinnen. Die angesprochenen Themen wurden in einen unterhaltsamen und schlichten Film verpackt, der auf jeden Fall sehenswert ist!  




Samstag, 26. April 2014

Non-Stop- der Flug endet nicht so bald


Non-Stop
Erscheinungsjahr: 2014
Thriller, Mystery, Abenteuerfilm, Actionfilm
Liam Neeson, Julianne Moore


In dem Film „Non-Stop“ geht es um den Air Marshall William Marks, der während seines Fluges von New York nach London mehrere anonyme SMSen bekommt, in denen angekündigt wird, dass auf diesem Flug alle zwanzig Minuten jemand sterben wird, wenn nicht 150 Millionen Dollar auf einem bestimmten Konto erscheinen. Der Marshall stellt sich den Timer auf seiner Armbanduhr und versucht den SMS-Schreiber ausfindig zu machen, damit kein Unglück passieren kann. Er kontrolliert die Passagiere  und bekommt dabei Hilfe von einer Stewardess und der netten Frau, die sich vor dem Abflug neben ihn ans Fenster gesetzt hat. Einige Personen verhalten sich in seinen Augen auffällig, doch es gilt nun herauszufinden, wer denn der wirkliche Schreiber ist.


In dem Film wird zwar ein bisschen rumgeschossen, jedoch ist es noch eine angenehme Menge, sodass auch Leute, die das nicht so mögen, sich den Film ruhig anschauen können. Die Kameraführung hat mich nicht immer ganz zufriedengestellt, aber in so einem Actionfilm muss halt auch durch so Effekte die Spannung aufgebaut werden. Mir erging es so, dass sehr viel und wild spekuliert wurde, zwischendrin wurde sogar eine alte Frau, die die Flugzeugtoilette besuchte, verdächtigt, die SMSen geschrieben zu haben. Ich fand den Film sehr spannend, man konnte sehr gut mit fiebern. Allerdings hätte ich an der Stelle des Marshalls einfach das Handy ausgemacht, so wie man es eigentlich sowieso auf Flügen machen sollte. Die Altersbeschränkung ist okay, da man kein Blut sieht, obwohl jemand stirbt und außerdem können 12-jährige schon was aushalten.







Samstag, 19. April 2014

"Träumen" ist kein Infinitiv, sondern eine Aufforderung!

Morgen kommt ein neuer Himmel
Lori Nelson Spielman
Fischer-Verlag (24. März 2014)
14,99€

Ich tupfe meine Augen trocken. Tief durchatmen. „Gut“, sage ich. Jeden Moment kann ich erneut die Fassung verlieren. „Sie sagten, Sie müssten noch etwas mit mir besprechen.“ Der Anwalt zieht einen zweiten Aktenordner aus einer Ledermappe und legt ihn vor mich auf den Tisch. „Für Sie hat Elizabeth sich etwas anderes überlegt.“ Er schlägt den Ordner auf und reicht mir einen vergilbten Zettel. Ich betrachte ihn. Er ist glattgestrichen, man sieht, dass er einmal zerknüllt gewesen sein muss. „Was ist das?“ „Eine Liste mit Lebenszielen“, erwidert er. „Ihre Liste.“

„Morgen kommt ein neuer Himmel“ von Lori Nelson Spielman (im Englischen weniger poetisch: „The Life List“) handelt von der 34-jährigen Brett, die gerade ihre geliebte Mutter verloren hat und von tiefer Trauer geplagt wird, pflegten die beiden doch immer eine sehr innige Beziehung. Doch Elizabeth wartet auch nach ihrem Tod mit einer Überraschung für Brett auf: Sie hinterlässt ihrer einzigen Tochter (neben zwei Söhnen), die gleichzeitig auch immer ihr Sorgenkind war, eine Liste mit Lebenszielen, die Brett als Vierzehnjährige aufgeschrieben und eigentlich in den Müll geworfen hatte. Ganze zehn Lebensziele soll Brett von dieser Liste im Laufe des nächsten Jahres erfüllen, um ihr (nicht unerhebliches) Erbe ausgezahlt zu bekommen. Zunächst erscheint es so, als wäre dies ein Ding der Unmöglichkeit, finden sich doch Punkte darunter wie „1. Ein Kind bekommen, vielleicht zwei“ und „20. Eine tolle Lehrerin werden“. Doch nach anfänglichen Zweifeln findet die unsichere Brett wieder zu ihrem alten Selbstvertrauen zurück, sie beginnt, an sich und an die Erfüllung dieser Liste zu glauben. Manchmal muss man dabei sogar sein ganzes Leben von Grund auf umkrempeln. So erkennt sie, dass im Leben zu jedem Zeitpunkt alles möglich ist, auch wenn nicht immer alles so kommt, wie man es plant.

Es ist ein Buch, das momentan an allen Ecken und Enden wärmstens empfohlen wird. Die Idee, die dem Buch zugrunde liegt, hat mich direkt angesprochen, wenn sie auch nicht neu ist und mir bereits aus Jill Smolinskis „Die Wunschliste“ in ähnlicher Form bekannt war. Gut gefallen hat mir direkt auch das Cover mit seiner eigenwilligen Farbgebung und einer Art „Lebensbaum“ über der Überschrift, der all das enthält, was Brett laut Liste anstreben soll. Das Buch selbst ist extrem gut lesbar, der Schreibstil ist einfach und geradezu nüchtern, was poetische Elemente angeht. Durch die Wahl des Ich-Erzählers, gelingt es Spielman, dem Leser ein umfassendes Bild der Gedanken- und Gefühlswelt der Protagonistin nahezubringen, sodass es sehr leicht fällt, sich mit Brett zu identifizieren. Die Hauptfigur wird demnach gut ausgeleuchtet, man erfährt ihre Stärken und Schwächen. Weniger gut gelingt dies Spielman bei ihren anderen Figuren, bei denen sie dazu neigt, alle ein wenig zu typisieren, so dass sie mehr als Karikaturen von Menschen erscheinen: die allseits geliebte, charismatische Mutter Elizabeth, der kaltherzige und neidische Vater, der sie nie lieben konnte, die kapitalistisch und kleinbürgerlich denkenden Brüder, die kalkulierende und kühle Schwägerin, der versnobte Freund.

Die Handlung selbst ist, fürchte ich, sehr vorhersehbar, ohne dass ich nun allzu viel verraten möchte. Ihre Mission ist durchaus von einem ständigen Auf und Ab geprägt, schließlich muss Brett für die Erfüllung der Liste ihr ganzes Leben umkrempeln. Dabei verliert das Buch jedoch nicht seinen hoffnungsvollen, optimistischen Grundtenor, der stets nach Harmonie strebt. Schon, es geschehen durchaus Dinge, die Wunden schlagen – da gibt es eine Trennung, den Tod eines Menschen und ein schwieriges Kind, dem nicht geholfen werden kann. Es gibt auch weitere Probleme, die sich lediglich als Missverständnisse entpuppen. Doch all den negativen Geschehnissen wird keine große Bedeutung eingeräumt.

Stets strebt das Buch selbst danach, nach vorne zu blicken, weiterzumachen, dem Negativen nicht zu viel Raum zu lassen. Eigentlich ein schöner Gedanke. Eine durch und durch positive Botschaft, die beim Leser auch als solche ankommt. Dadurch büßt das Buch aber auch an Authentizität ein. Welcher Mensch kommt so schnell über das Ende einer langjährigen Beziehung weg? Wem gelingt es, nach dem bösen Ende einer Freundschaft diese wieder aufleben zu lassen, ohne dass es eine richtige Aussprache gibt, in der die Dinge beim Namen genannt werden? Wer kann es einfach so akzeptieren, dass man ein Leben lang über die eigene Herkunft belogen wurde? Vieles löst sich einfach zu schnell in Wohlgefallen auf. Dies gilt auch für das Ende, das förmlich nach fünfzig weiteren Seiten schreit. Man kann danach streben, das Leben so in etwa leben zu wollen, man sollte es die Hand nehmen, aktiv werden, „Lebe deine Träume“ und so weiter – doch so harmonisch wie Bretts Leben wird es niemals werden. So ist das Leben einfach nicht.


Alles in allem kann ich sagen, dass ich das Buch sehr gerne gelesen habe. Es hat Spaß gemacht, schließlich war es amüsant und interessant. Ein richtiges Unterhaltungsbuch, mit ein paar Aufregern (z.B. Andrew, der arrogante Freund oder Herbert, der scheinbar perfekte Mann schlechthin), aber vor allem vielen humorvollen und schönen Stellen, die einen lächeln ließen. Die „echte“ Liebesgeschichte hat mir persönlich nicht so gut gefallen, da ich einen anderen Mann an Bretts Seite favorisierte (dass sie am Schluss einen kriegt, dürfte ja klar sein). Aber nun gut. Wenn auch ein echter Konflikt bzw. der Tiefgang in diesem Roman fehlte, so kann man doch sagen, dass Spielman, die nachfolgenden Satz in ihrer Danksagung formulierte, etwas in uns bewegt hat: „Letztlich gehört dieses Buch allen Mädchen und Frauen, die das Verb „träumen“ nicht als Infinitiv, sondern als Aufforderung verstehen.“ Wie viele andere hat dieses Buch auch mich zum Nachdenken über meine eigenen Lebensziele angeregt und mir vielleicht sogar ein bisschen Mut gemacht.




Donnerstag, 17. April 2014

Ein kosmisches Lesevergnügen!

Ich und die Menschen
Matt Haig
Deutscher Taschenbuch Verlag (1. April 2014)
Amazon


Hoffnung war oft zwecklos. Und oft ohne jede Vernunft. Wäre sie vernünftig, hätte sie wahrscheinlich Vernunft geheißen. Außerdem war Hoffnung mühsam und anstrengend, und ich war Anstrengungen nicht gewohnt. Zu Hause war nichts anstrengend. Genau darum ging es zu Hause – um den Genuss einer perfekten, mühelosen Existenz. Doch ich war hier. Und hoffte.

Dem Mathematikprofessor Andrew Martin ist es gelungen, das Geheimnis um die Riemannsche Vermutung zu lüften, das gleichsam das Rätsel um die Verteilung der Primzahlen löst und eine bahnbrechende Entdeckung für die Menschheit bedeutet. Doch dann wird er von einer außerirdischen Lebensform entführt, getötet und durch einen von ihnen ersetzt. Der Außerirdische, der nun mit Professor Martins Gesicht herumläuft, hat den Auftrag, alle Hinweise auf die Lösung des mathematischen Rätsels auszulöschen – in Computern, in Notizen, in Menschen. Die menschliche Natur und Zivilisation erscheint ihm befremdlich, der menschliche Verstand und die scheinbar fortschrittliche Technik primitiv. Doch dann lernt der Außerirdische die Musik Debussys, Erdnussbutter und australischen Wein kennen. Und irgendwann stellt er auch fest, dass die Menschen trotz ihrer Nasen gar nicht so hässlich sind – vor allem Isobel Martin, Andrews Ehefrau. Plötzlich ist er sich nicht sicher, ob er es schafft, seinen Auftrag auszuführen und Frau und Kind tatsächlich zu töten …

Zunächst einmal klingt die Handlung von Matt Haigs „Ich und die Menschen“ interessant und vor allem amüsant. Dieser Roman verspricht Humor, Romantik und eine starke Prise Science Fiction. Diese Erwartungen werden erfüllt, dieses Buch hält sogar noch ein wenig mehr für den Leser bereit: Es ist ein Buch mit zunehmend existenzialistischer werdenden Anklängen, ein Buch, das von dem Menschen handelt, betrachtet aus der Perspektive eines Wesens, das weder mit unserer Natur noch mit unserer Kultur vertraut ist und nicht Teil unserer Gesellschaft ist. Es ist eine distanzierte, aber niemals objektive Perspektive: Negative wie positive Eigenarten des Menschen werden so gekonnt aufgezeigt, dass der menschliche Leser selbst lächelnd den Kopf schütteln muss. Kleidung! Autos! Haustiere! Wohnzimmer! Computer! Hühnerbrust! Sind das nicht urkomische Konzepte? Ich muss sagen, es tut gut, einmal die durch und durch sozialisierte Perspektive einer Europäerin aufzugeben und gemeinsam mit dem Außerirdischen zu staunen, zu kritisieren und sich neu in das zu verlieben, was an unserem Planeten und an unserer Spezies so einzigartig und schön ist.

Es ist großartig, wie wunderbar Haig tiefgründig-philosophische Anklänge mit sehr humorvollen Szenen in Einklang bringt. Er malt nicht schwarz-weiß oder stellt eine Harmonie her, die es gar nicht geben kann. Er bildet das Leben ab, so wie es ist – mit Hochs und Tiefs – denn so und nicht anders verhält es (das Leben) sich auch für einen Außerirdischen, der mit dem Gefühlshaushalt eines Menschen erst einmal klarkommen muss. Der Leser kann die Entwicklung des Außerirdischen hervorragend nachvollziehen: Dieser lernt die Menschen Abschnitt für Abschnitt besser verstehen und setzt sich schließlich sogar für sie ein, anstatt sie zu töten. An Spannung verliert das Buch auch zum Schluss nicht. Allerdings gibt es einen kleinen Abzug für das Ende, das einer gewissen Logik entbehrt. Bei der ultimativen Problemlösung macht es sich Haig dann doch ein wenig leicht und der Leser stößt auf Ungereimtheiten, die zu nennen hier fehl am Platze wäre.

Allemal ist dies jedoch ein gelungenes Werk, tiefgründig, witzig, an den richtigen Stellen melancholisch und es regt vor allem die Reflexion an. Ein kosmisches Lesevergnügen!





Mittwoch, 16. April 2014

What makes you different makes you dangerous

Die Bestimmung - Divergent
Erscheinungsjahr: 2014
Science-Fiction, Dystopie
Shailene Woodley, Theo James
Trailer


Der Film „Die Bestimmung“ ist eine Buchverfilmung des Romans „Divergent“ der amerikanischen Autorin Veronica Roth. Das Buch erschien 2011, die Verfilmung im April 2014. Da ich das Buch (noch) nicht gelesen habe, wird es auch bei dieser Rezension außen vor gelassen! 
Die Geschichte spielt im Amerika der Zukunft – genauer gesagt in Chicago. Die Gesellschaft wurde nach dem letzten Krieg neu strukturiert und alle Bürger werden seit dem auf fünf verschiedene Fraktionen aufgeteilt – entscheidend dafür in welche Fraktion sie gelangen, sind die jeweiligen Charaktereigenschaften. Die Selbstlosen findet man in Altruan, die Mutigen in Ferox, die Intelligenten in Candor, die Ehrlichen in Ken und die Freundlichen in Amite. Hauptperson der Geschichte ist Beatrice Prior – im weiteren Verlauf „Tris“ genannt. Es ist der Tag gekommen, an dem sich alle 16-Jährigen einem Test unterziehen müssen, der ihnen sagen soll, welcher Fraktion sie sich anschließen sollen. Aber egal was der Test sagt, jeder darf frei wählen und darf sich eine Fraktion aussuchen. Bei Tris geschieht jedoch etwas Außergewöhnliches – der Test ist bei ihr nicht eindeutig, ihr kann keine Fraktion eindeutig zugewiesen werden und das kommt nicht sehr oft vor, wie ihr gesagt wird. Sie ist eine Unbestimmte und niemand darf dies erfahren.

Tris entscheidet sich für die Fraktion der Ferox – die Mutigen und Furchtlosen, die Beschützer der Bewohner von Chicago. Nun beginnt für alle Neulinge die harte Ausbildung. Um bei den Ferox dabei sein zu dürfen durchlaufen sie ein hartes Training, sowie körperlich als auch seelisch. Tris fühlt sich mit der Frage konfrontiert, ob sie die richtige Entscheidung getroffen hat, oder ob es nicht besser gewesen wäre, wenn sie zu Hause in ihrer alten Fraktion und bei ihren Eltern geblieben wäre, doch ein Zurück ist unmöglich, das wird ihr schon von Anfang an klar gemacht. Und dann gibt es da ja noch diese Tatsache, dass sie eine Unbestimmte ist – Tris weiß, dass das niemand heraus finden darf, ansonsten ist sie in großer Gefahr..

Wie schon gesagt, habe ich das Buch nicht gelesen, daher kann ich nicht sagen ob der Film den Inhalt des Buches gut umsetzt, ich finde aber, dass der Film auf jeden Fall sehenswert ist! Zugegeben, ich habe meine Zeit gebraucht um mich an diese „Welt“ und diese beschriebene Gesellschaft und diese Gegebenheiten zu gewöhnen, aber dann ist man doch irgendwie dort angekommen und lässt sich von den Geschehnissen mitreißen! Mit Tris konnte ich mich eigentlich sofort anfreunden – ihre Entscheidung, sich den Ferox anzuschließen war auf jeden Fall eine mutige, denn man merkt, dass sie zu Beginn eigentlich kein besonders kämpferischer oder sportlicher Mensch ist! Es findet also auf jeden Fall eine deutliche Charakterentwicklung statt. Shailene Woodley fand ich auf jeden Fall toll in der Rolle. 

Insgesamt hat mir der Film also wirklich gut gefallen, die Besetzung fand ich sehr passend, der Soundtrack hat mir gut gefallen. Als Nicht-Leser des Buches stellten sich mir zwischendurch ein paar wenige Fragen, aber ansonsten konnte man der Handlung wirklich gut folgen! ... und jetzt werde ich mir das Buch schnappen! :D



(Bild: http://www.hypable.com/2013/11/12/divergents-main-poster-released-tris-and-four-are-high-atop-chicago/)

Sonntag, 13. April 2014

Schwarz, eisblau, dunkellila, dunkelrosa, olivgrün, dunkelblau und magnolienweiß!*


Alice, wie Daniel sie sah
Sarah Butler
Knaur TB-Verlag (3. März 2014)
14,99 €
Amazon

"Ich ziehe herum. Das ist meine Strategie, wenn ich denn überhaupt eine habe, und überall stelle ich mir dich vor. Ich habe kaum Anhaltspunkte, aber einiges kann ich erahnen: deine Haarfarbe, deine Größe, dein Alter. Und ich kenne deinen Namen. Ich könnte nach dir rufen, und du drehst dich um. Dann stünden wir hier, ließen die Fahrradfahrer vorbeirauschen, hörten die Boote wie Glocken aneinanderschlagen und würden reden."

Die Affäre mit einer verheirateten Frau warf Daniel vor Jahren aus der Bahn. Heute ist er obdachlos und auf der Suche nach seiner der Affäre entspringenden Tochter Alice, die einen eisblauen Namen hat: Eisblau für A, Gold für L, Rosa für I, Dunkelblau für C, Grau für E. Daniel nimmt Buchstaben in Farben wahr und versucht so, mit Alice, die er noch nie gesehen hat, zu kommunizieren. Über die ganze Stadt verteilt er Kunstwerke mit Alice' Namen, bis er von der Beerdigung von dem Mann erfährt, der Alice als seine Tochter großgezogen hat. Und Daniel weiß instinktiv, dass Alice dort sein wird ...

"Alice, wie Daniel sie sah" oder auch "Ten Things I've Learnt About Love" im Englischen ist ein ruhiges Buch mit einer sanften Poesie. Keiner bringt dem Leser die Kopplung von Farben und Buchstaben so nahe, wie unser Synästhetiker Daniel. Besonders gut gefallen hat mir hierbei die Farblegende im Umschlag des Buches, die jedem Buchstaben eine eindeutige Farbe zuweist. Daniel erzählt dem Leser nicht immer, welches Wort er da gerade in einem seiner farbenfrohen Kunstwerke aus Abfall legt, aber diese Legende macht es möglich, die Rätsel zu lösen. 

Die Geschichte des Romans wird von Alice und Daniel gleichermaßen erzählt. Alice' Geschichte beginnt damit, dass sie nach London ans Sterbebett ihres (Zieh-)Vaters reist, Daniel entführt den Leser auf einen seiner Streifzüge. Zugegeben, Alice' Kapitel lassen sich flüssiger lesen, es fällt nicht schwer, das "schwarze Schaf" der Familie, das weniger konventionell und bürgerlich ist als ihre Schwestern, liebzugewinnen. Zu Daniel findet man nicht so leicht einen Zugang. Seine Kapitel werden beherrscht von Beschreibungen, Gedanken und Gefühlen, sind somit sehr viel statischer. Doch seine Figur ist einzigartig. Er präsentiert sich dem Leser als feinfühliger, sensibler, gutmütiger Mann, dem das Schicksal und die eigene Schwäche übel mitgespielt hat. Doch es ist der Gedanke an Alice, der ihn aufrechthält, er lebt für seine Tochter. Daniel lernt man vielleicht nicht ganz am Anfang, aber doch im Laufe des Romans lieben - wenn man sich auf seine Sicht der Welt einlässt. Überhaupt liegt für mich in der Zeichnung ihrer Charaktere Butlers große Stärke. Die Figuren wirken authentisch. 

Was ihr meiner Meinung nach weniger gut gelingt, ist die Handlungsführung bzw. das Vorantreiben der Handlung. Manchmal gibt es Gedankensprünge zwischen zwei Sätzen, die einen verwirrt zurücklassen und es erforderlich machen, dass man die Seite erneut lesen muss, um zu versuchen, es wirklich richtig zu verstehen. Am Ende des Buches hat man das Gefühl, dass nur ein winziger Teil der Geschichte wirklich erzählt wurde und es noch so viel mehr zu sagen gäbe. Generell gibt es Rätsel, die im Laufe des Romans entstanden sind und nie aufgedeckt werden. Was war es, das der (Zieh-)Vater am Sterbebett Alice verschwieg und Cee und Tilly jedoch sagte? Wussten die Schwestern von der Affäre ihrer Mutter? Warum genau hat Kal nie den Mut gefunden, seinen Eltern Alice vorzustellen? Möglicherweise lässt Butler  als Expertin für Kreatives Schreiben (sie unterrichtete dies am British Council in Kuala Lumpur) Fragen dieser Art bewusst offen, um die Imagination des Lesers anzuregen, doch ich muss ehrlich sagen, dass es mich mehr beeindruckt, wenn der Autor die Handlungsfäden fest in der Hand und am Ende zusammenzuführen weiß. 

Dieser Roman ist eine zarte Geschichte, die von dem Band zwischen Vater und Tochter erzählt und von der Poesie der Synästhesie lebt. All dies spielt sich in einem London ab, das förmlich Leben, Farben und Vielfalt atmet - ein London, das man einfach lieben muss. L für Gold, O für Silber, N für schmutziges Gelb, D für Hellorange, fast durchsichig, O für Silber, N für schmutziges Gelb. 

* "Magisch" in Daniels Farbensprache!